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Spaghetti und Styropor – Architekturkurs in Bochum

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“Da willst du aufs Klo gehen?” Fachmännisch blickt Leonard auf Simons Modellhaus. Eine blaue Miniaturtoilette schmiegt sich in die schmale Ecke des Pappmodells. Leonhard selbst hat für seinen ICE-Wohnwagen eine Art Badezimmer gebastelt, in dem sich Dusche und WC befinden. Doch auch da scheinen die Maße nicht recht zu stimmen. “Wo ist denn da dann das Waschbecken?”, fragt Simon zurück.

Ein Gefühl für Bauen und Wohnen zu bekommen, das ist das Ziel des Ferienkurses “Planen und Bauen” des zdi-Netzwerks IST.Bochum. Denn wer weiß schon, wie man berechnen kann, ob eine Brücke auch stabil ist? Die Schüler des Ferienkurses an der Hochschule Bochum wussten es zunächst auch nicht. Zwei Tage lang lernten sie in den Herbstferien die Welt von Architekten und Bauingenieuren kennen. Und konnten vor allem selbst Modelle entwerfen und bauen.

Architekt und Bauingenieur

“Wenn ihr zum Beispiel gern rechnet und an Physik und Statik interessiert seid, dann ist Bauingenieur genau das richtige für euch”, erläutert Sanja an Tag eins des Kurses. “Möchtet ihr allerdings kreativer arbeiten und habt Spaß daran, Modelle zu basteln, ist die Architektur geeigneter für euch”, ergänzt Sibel. Die angehende Bauingenieurin und die Architekturstudentin erklären den Schülern, was ihre Berufsfelder unterscheidet und wie sie selbst zum Studium gekommen sind. Außerdem helfen sie den fünf Jungs bei Planung, Entwurf und Bau der Modelle.

“Man sieht schon schnell die Unterschiede zwischen den Kids”, bemerkt Sibel, als es ans Entwerfen eigener Bauwerke geht. “Einige haben sofort ein Gefühl für die Maßstäbe, andere überhaupt nicht.” Die Schüler können wählen: Einen “Wohnwagen der Zukunft” entwerfen, “Wohnen auf kleinstem Raum” entwickeln oder die “Spaghetti-Brücke” konstruieren. Bei den Wohnentwürfen (maximale Größe: 15 qm) soll auch die Inneneinrichtung mit bedacht werden. Hier zeigt sich: Bevor die Jungs zwischen 13 und 14 Jahren überhaupt an Bett, Tisch und Co. denken, müssen erst einmal die Playstation und der PC untergebracht werden. “Es fehlt ihnen manchmal der Blick fürs Wesentliche”, stellt Sanja schmunzelnd fest.

 

Spaghetti und Joghurtbecher

Am zweiten Tag geht es dann ans Bauen der selbstgezeichneten Entwürfe. In den Maßstäben 1:15 und 1:25 entstehen Miniwohnwagen und puristische Bungalows. Leonard bastelt einen ICE-Wohnwagen aus blauem Styropor, das Fenster wird ein Joghurtbecher. Connor, Simon und Nico arbeiten klassisch mit Pappe. Vorsichtig schneiden sie die Einzelteile ihrer Häuser mit dem Teppichmesser aus. Einzig Pascal wagt sich an die “Spaghetti-Brücke”. “Wohnen war mir zu langweilig”, lautet seine Begründung. Zuhause baut der Dreizehnjährige gerade Transformer aus Lego. Dass er auch in seiner Freizeit gern plant und bastelt, zahlt sich jetzt aus. Denn die Brückenkonstruktion darf nur aus Nudeln und Heißkleber gefertigt werden und soll einen Kilo Zucker halten.

“Boah, das stinkt!”

Ein starker Geruch nach Kleber hängt im Raum, Sibel öffnet schnell das Fenster hinter Pascal. Um ihn herum liegen unzählige Nudeln, Spaghetti und Tortiglioni. Konzentriert knipst Pascal die rohen Spaghetti mit einer Zange auf die richtige Länge, klebt, misst immer wieder nach. Damit die Brücke den Zuckertest besteht, hat er zu einem Trick gegriffen: “Ich habe mit dem Programm Pontifex zunächst die Brücke am Computer konstruiert. Da kann man die Belastbarkeit direkt testen.“ Ein Zug passiert im Programm die Brücke. Hält sie digital, stürzt sie auch analog nicht zusammen. “Dann habe ich die Konstruktion einfach abgezeichnet und baue das jetzt nach”, erklärt er stolz. “Ziemlich schlau von Pascal”, findet auch Betreuerin Sanja.

Baubewusstsein und Freude an Architektur

Kursleiterin Ursula Thielemann will mit den Entwürfen vor allem die Kreativität der Kinder anregen: “Sie von klischeehaftem Denken zu lösen, erhöht auch ihre Problemlösefähgikeit in anderen Bereichen”, so ihre Einschätzung. Begeistert bastelt die langjährige Architektin selbst mit den Jungs, hilft Leonard mit dem Styrocutter und freut sich über die vielen individuellen Entwürfe. “Es wäre toll, wenn die Kinder nach den zwei Tagen bewusster durch ihre gebaute Umgebung gehen”, wünscht sie sich.

Das Wohnmobil als 3D-Modell aus Styropor, der Dreiecksbungalow mit Toilettennische und Nicos zweistöckige Bungalowkonstruktion – stolz tragen die Jungs ihre gelungenen Modelle nach den zwei Tagen heim. Neben statischem Gefühl und einem Sinn dafür, was man beim Bau von Brücken und Häusern alles bedenken muss, bekamen die Schüler auch einen Eindruck des Hochschulalltags in Bochum – inklusive Mensaschlange. Hauptberuflich zu bauen, kann sich Pascal jedenfalls sehr gut vorstellen: “Ich hätte Lust, später etwas Großes zu konstruieren und kreativ zu arbeiten”, erklärt er und klebt einen kleinen Spiderman an seine Nudelbrücke. Nur auf den Zuckertest verzichten sie dann doch lieber. “Wir wollen schließlich keine Frustrationen schaffen”, zwinkert Ursula Thielemann vergnügt.

24. Oktober, 2014 | 11:45
Autorin: mwi
zdi | Zukunft durch Innovation

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