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“Denk nach, bevor du etwas likst” – zdi im Gespräch mit Harald Lesch

(c) privat

Harald Lesch, langjähriger Moderator der Sendungen Terra X und Leschs Kosmos, forscht und lehrt als Astrophysiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie als Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Münchener Hochschule für Philosophie. Vielfach für seine Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet, berichtet er im Gespräch mit zdi, was ihn antreibt, Menschen für die Wissenschaft zu begeistern.

 

Herr Prof. Lesch, was hat Sie selbst zur Wissenschaft gebracht?
Als die Amerikaner auf dem Mond landeten, war ich neun Jahre alt. Das waren völlig andere Zeiten, die Technikeuphorie war viel größer. Ich habe damals in Science-Fiction-Romanen zum ersten Mal von Neutronensternen gehört – da arbeite ich heute noch dran. Mich begeisterte einfach die wissenschaftliche Methodik: Diese Möglichkeit Fragen zu stellen, bei denen man weiß, man findet vielleicht eine Lösungsmöglichkeit oder zumindest eine Teilantwort. Heutzutage treibt mich vor allem die unglaubliche Vielfalt und Allgemeinheit an, mit der man sich als Physiker einbringen kann. Physik ist einfach großartig. Ob technologische, ökologische oder ökonomische und finanzmathematische Fragen – Physik bietet eine sehr breite allgemeine Ausbildung, mit der man sich schnell in Fragestellungen einarbeiten kann.

 

Wie kann man junge Menschen heute für MINT begeistern?
Ich denke, dass Menschen nur durch Vorbilder für etwas begeistert werden können. Als Wissenschaftler kann ich Gespräche mit Schülerinnen und Schülern nutzen, um zu vermitteln, wie schwierig Wissenschaft manchmal ist, wie widersprüchlich, aber auch wie schön. Um die MINT-Fächer kennenzulernen, würde ich Jugendlichen aber auch raten: Baut erst einmal etwas selbst. Wirklich mal etwas selbst löten, zusammenschrauben oder bauen und zum Laufen bringen – nicht nur am Computer simulieren. Eine eigene technische Anlage in der Wirklichkeit zu erleben und sich daran zu erfreuen, dass sie funktioniert. Oder wenn sie nicht läuft, so hartnäckig nach dem Fehler zu suchen bis sie wieder in Gang kommt, das kann Begeisterung wecken. Es geht ja nicht gleich um eine Konstruktion in industriellem Ausmaß. Erst einmal geht es darum, dass man die Freude am Bauen und am Lernen entdeckt.

 

Sie vermitteln Wissenschaft seit Jahren im Hörsaal, vor der Kamera im Fernsehen und mittlerweile auch auf YouTube – was macht erfolgreiche Wissenschaftskommunikation für Sie aus?
Das, was ich mache, mache ich, weil die Rückmeldungen auch von jungen Leute sehr positiv sind. Die sagen mir, mach weiter so. Das ist ja Edutainment – eine Mischung aus Education (Bildung) und Entertainment (Unterhaltung). Ich lege Wert darauf, dass meine Zuschauer zwischendurch lachen dürfen. Nicht zuletzt aus neurologischen Untersuchungen weiß man, dass mit Emotionen für die Gedächtnisleistung wichtige Gehirnteile angesprochen werden und Dinge so besser behalten werden. Als Hochschullehrer ist mir wichtig, dass die Leute schlauer aus meinen Vorträgen rausgehen als sie reingekommen sind. Ich war schon immer eher eine Rampensau. Beim Publikum kommt das gut an. Genauso gibt es aber Pädagogen, die eher zurückhaltend sind und von ihren Schülerinnen und Schülern genau dafür sehr geschätzt werden.

 

Ob Chemtrails, Aliens oder Anhänger einer flachen Erde – in vielen Beiträgen sehen Sie derzeit die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft akut angegriffen. Sehen sie Herausforderungen für die zukünftige Vermittlung von Naturwissenschaften?
Es bricht derzeit eine unglaubliche Bandbreite an Fehlinformationen und Verschwörungstheorien auf uns herein. Gerade Menschen, die sich orientieren wollen und nach Informationen suchen, finden so etwas am ehesten. Die heutige Aufgabe lautet noch immer: “Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”, das heißt, denk nach, bevor du unüberlegt eine Nachricht auf Facebook likst. In Zukunft wird es nötig sein, auf einem viel einfacheren Niveau Informationen zu vermitteln, sodass alle die Richtigkeit von Informationen für sich selbst erkennen und einordnen können. Ich bin aber ziemlich sicher, dass Betrüger nachrüsten werden. Dass wie bei Trumps Inaugurationsfeier auf zwei vergleichenden Bildern eindeutig erkennbar weniger Leute vor Ort sind und sich ein Pressesprecher trotzdem hinstellt und sagt, es waren mehr Leute als bei Obamas Amtseinführung anwesend, wird es so nicht noch einmal geben, denke ich. Wenn Betrüger zukünftig Fakenews produzieren, werden sie deutlich schwieriger zu erkennen sein. Das heißt, die Aufgabe für Wissenschaftsaufklärer wird immer schwieriger.

 

Würden Sie heute wieder Physik studieren?
Heute würde ich direkt Erneuerbare Energien an einer Fachhochschule studieren. Das halte ich für das größte Thema der Zukunft. Wir brauchen die Erneuerbaren für eine globale nachhaltige Lösung in Ländern, in denen keine Ingenieurtraditionen existieren. Es braucht einfache Lösungen, die auch ohne Studium beherrschbar sind, um die Menschen mit elektrischer Energie zu versorgen. Auch in den industrialisierten Ländern werden wir viel mehr erneuerbare Energien einsetzen müssen – da wird es ein riesiges Potenzial an Effizienzsteigerung geben. Daran mitzuarbeiten, halte ich für die ganz große Herausforderung.

 

Herr Prof. Lesch, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

25. April, 2017 | 15:37
zdi/bdo
zdi | Zukunft durch Innovation

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