Startseite » Aktionen » Interview: Serious Games und Serena Supergreen

Interview: Serious Games und Serena Supergreen

Dr. Pia Spangenberger. Foto: Fabian Stürtz

Dr. Pia Spangenberger. Foto: Fabian Stürtz

Sich von einer Windkraftanlage abseilen, Schaltpläne entschlüsseln und technische Geräte reparieren – diesen Herausforderungen müssen sich die Spielerinnen und Spieler virtuell im Serious Game Serena Supergreen stellen. Das Online-Abenteuerspiel soll Jugendliche, insbesondere Mädchen, für technische Ausbildungsberufe im Bereich Erneuerbare Energien begeistern. Begleitet hat die Entwicklung des in Kooperation mit Mädchen und u.a. dem Wissenschaftsladen Bonn entstandene Spiel Dr. Pia Spangenberger, Projektleitung und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der Technischen Universität Berlin. Im Gespräch mit zdi erklärt sie, wie solche Projekte bei der Mädchenförderung helfen können.

Das Spiel wurde bewusst in Kooperation mit Mädchen entwickelt – warum?
Das Spiel soll einen Lebensweltbezug für Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren herstellen. Wir möchten so Identifikationsmöglichkeiten für Mädchen schaffen, die für die Berufswahl sehr wichtig sind. Das geht nicht ohne vorher mit der Zielgruppe zu sprechen und sie zu fragen, wie ihre Lebenswelt aussieht. In der Zusammenarbeit mit den Mädchen und mithilfe aktueller Erkenntnisse aus der Forschung haben wir darüber hinaus Inhalte identifiziert, die Mädchen an Technik besonders spannend finden. Über diese Inhalte sollte die Ansprache gelingen. Außerdem wurde das Spiel für den Einsatz im Unterricht entwickelt. Damit Lernende Unterrichtsinhalte interessanter finden, ist ein Lebensweltbezug hilfreich. Die Einbeziehung der Zielgruppe bei der Spielentwicklung war für uns daher unerlässlich.

Warum wurden nicht auch Jungs für die Entwicklung angesprochen?
Serena Supergreen wurde für Jungs und Mädchen entwickelt, ist aber speziell an den Bedürfnissen von Mädchen ausgerichtet. Die meisten Computerspiele werden noch von Jungs für Jungs entwickelt. Wir haben einfach eine alternative Herangehensweise gewählt. Für uns waren die Spielinhalte zentral, die Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren ansprechen. Sie sollen Serena Supergreen spielen, weil es sie interessiert und sie es spannend finden technische Aufgaben zu lösen. Wir appellieren daher an die Lehrkräfte, die Spielinhalte in den Vordergrund zu stellen. Und wir haben bislang die Erfahrung gemacht, dass zwar vor allem Mädchen, aber auch Jungen Gefallen am Spiel finden.

Serious Games bieten die Möglichkeit, auf spielerische Weise Wissen und Kompetenzen zu erwerben. Was zeichnet ein gutes Serious Game aus?
Serious Games können eine bereichernde Ergänzung für den Unterricht sein können. Es gibt verschiedene Forschungsmeinungen dazu, wann und wie Serious Games besonders effektiv sind. Für den Erfolg eines Serious Games, das für den Einsatz im Unterricht entwickelt wird, ist ein gutes methodisch-didaktisches Konzept sehr wichtig. Lerninhalte und Spielspaß müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Im besten Fall wird das Spiel dann nicht als Lernsituation erlebt, sondern als Spiel. Man muss aber auch unterscheiden: Serious Games sind vielfältig. Und besonders Serious Games, die für den Unterricht entwickelt werden, können die Lehrperson nicht ersetzen. Im Gegenteil – es gibt sogar Untersuchungen, die zeigen, dass eine professionelle Anleitung von Serious Games sie noch effektiver macht.

Welche alternativen Methoden und Formate werden von Wissenschaftlern ebenfalls als gendersensible, gute Berufsorientierungsmaßnahmen gesehen?
Ziel einer erfolgreichen gendersensiblen Berufsorientierung ist es, einen Beruf aufgrund von individuellen Fähigkeiten, Interessen und Neigungen zu wählen. Dann ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man langfristig mit diesem Beruf zufrieden ist. Oft ist jungen Menschen aber gar nicht bekannt, welche Tätigkeiten tatsächlich hinter einer Berufsbezeichnung stecken. Sie wählen häufig Berufe aufgrund ihres Geschlechts. Jungen wie Mädchen sollten sich fragen, ob sie einen Beruf wählen, weil er sie wirklich interessiert oder weil er als typischer „Frauenberuf“ oder „Männerberuf“ gilt. Für die Berufsorientierung von Mädchen im Bereich Technik ist es daher sinnvoll, das Fähigkeitsselbstkonzept von Mädchen im Bereich Technik zu stärken. Sie sollten Vorbilder kennenlernen und Raum für die Reflektion der eigenen Berufswahl bekommen. Das gleiche gilt natürlich auch für Jungen, die in vielen pädagogischen Berufen fehlen.

Wo sehen Sie den Beitrag zu einer gendersensiblen Berufsorientierung bei „Serena Supergreen“?
Mädchen sind in technischen Ausbildungsberufen sehr stark unterrepräsentiert. In 2016 lag der Frauenanteil im Beruf Elektroniker/in beispielsweise nur bei 2,3 Prozent. Unter den 20 von Mädchen am stärksten besetzten Ausbildungsberufen ist kein gewerblich-technischer Beruf. Im Spiel „Serena Supergreen“ können Mädchen spielerisch Aufgaben lösen, die für technische Ausbildungsberufe relevant sind. Eine integrierte Feedbackstrategie stärkt dabei ihr Fähigkeitsselbstkonzept. Serena Supergreen ist eines der wenigen Computerspiele, das zur Berufsorientierung speziell von Mädchen im Bereich Technik entwickelt wurde. Wir möchten mit dem Spiel einen Beitrag dazu leisten, das Berufswahlspektrum von Mädchen im Bereich technischer Ausbildungsberufe zu erweitern – ein Arbeitsfeld mit dem sie bislang eher selten in Berührung kommen.

Warum sollten Schülerinnen und Schüler das Spiel unbedingt spielen?
Zum einen bietet das Spiel Serena Supergreen Schülerinnen und Schülern einen spielerischen Zugang zur Berufswahl im Bereich Technik. Beim Einsatz von Serena Supergreen im Unterricht haben wir sehr häufig die Aufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern erhalten, die für das Thema technische Ausbildungsberufe weniger offen sind. Ob Brennpunktschule oder Elitegymnasium – die Konzentrationsspanne der Schülerinnen und Schüler war hoch. Wir freuen uns aber besonders darüber, dass wir egal an welche Schulform wir gehen, sehr viel positives Feedback zum Spiel erhalten haben. Mädchen wie Jungen hat es Spaß gemacht Serena Supergreen zu spielen. Wenn wir also technische Aufgaben in unserem Spiel so aufbereitet haben, dass es Spaß macht, sie zu lösen, ist das ein sehr schönes Feedback und auch ein guter Grund das Spiel zu spielen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Link zum Spiel: http://serena.thegoodevil.com/

29. November, 2017 | 14:50
Autor: MHN/KHE
zdi | Zukunft durch Innovation

zdi | Zukunft durch Innovation