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“Wir können das wirklich verantworten” ─ Prof. Dr. phil. Gisela Lück über Chemie im Kindergarten

Prof. Dr. phil. Gisela Lück

Prof. Dr. phil. Gisela Lück Bild: privat

Frau Lück, Sie haben sich als Chemiedidaktikerin für den Kindergartenbereich spezialisiert. Normalerweise sagt man, Chemie macht erst ab Klasse 7 Sinn. Warum denken Sie da anders und führen schon die Jüngsten an das Thema heran?

Wir haben nach über 20 Jahren Forschung gut fundierte Studien dazu, dass Kindergartenkinder ab dem Alter von fünf Jahren nicht nur die berühmten Warum-Fragen stellen, sondern extrem gerne selber experimentieren. Dabei haben wir herausgefunden, dass Kinder sich sehr gut über einen langen Zeitraum die Deutungen (eines Experiments, Anm. der Redaktion) behalten können, also das, was eigentlich schwieriger ist, und dass es sogar berufswahlentscheidend sein kann, wenn sie früher beginnen. Der schlechteste Zeitpunkt ist es, in Klasse 7 Jugendliche an Chemie heranzuführen, weil dann die Pubertät einsetzt und mit der Pubertät ganz andere Fragestellungen hohe Priorität haben. Zum Beispiel soziale Fragen, Ablösung vom Elternhaus, neue Beziehungen aufbauen, sich selbst finden. Das kann man auch in der Entwicklungs- und Lernpsychologie sehr gut belegen.

Müssen Kinder also anders begeistert werden als Jugendliche?

Ja, es geht um die Frage: Wie können wir eine Begeisterung für naturwissenschaftliche Felder über viele Jahrgangsstufen hinweg aufrechterhalten? Ich glaube, dass wir das auch ganz oft nicht gemacht haben. Wir haben uns in der Chemie sehr stark an der Fachsystematik orientiert – da kommt dann das Periodensystem, der pH-Wert, Oxidationsstufen, chemische Gleichungen austarieren, diese ganzen Geschichten, die ja wirklich nicht die Welt erklären. So ist das nicht spannend für den Schüler und die Schülerin. Ich präferiere deshalb immer Themen, die in der Wahrnehmung der Schüler verankert sind, also zum Beispiel: Wie macht man eigentlich eine Bodylotion? Das ist die Ausgangsfrage, und dann können wir Detailfragen beantworten: Was ist ein Emulgator? Wie reagiert der mit dem Wasser und dem Öl, das verbunden werden muss? Das ist der Schatz, den wir im Unterschied zu vielen anderen Fächern haben. Wir haben einen Bezug zum Alltag. Der wird aber bei Mangan-Redox-Reaktionen und pKs-Wert-Berechnungen überhaupt nicht berücksichtigt.

“Wie können wir eine Begeisterung für naturwissenschaftliche Felder über viele Jahrgangsstufen hinweg aufrechterhalten?”

Haben Sie unterschiedliche Strategien, wie Sie an jede Zielgruppe herantreten?

Ich glaube erstmal, die Menschen sind unterschiedlich. Es gibt bestimmt auch Lernende, die können gleich zur Theorie durchstarten. An die richtet sich der klassische Unterricht, an die anderen 90 % der Klasse aber eher weniger. Das kann ja kein allgemeinbildender Unterricht sein im Zeitalter der Diskussionen zur Heterogenität. Und mit der Herangehensweise von Alltagsfragen lernen wir leichter. Aber in den letzten Jahrgängen der Schule, wo es hingeht zum Propädeutikum fürs Studium, da sollte es zu einer Umkehrung kommen. Die Schülerinnen und Schüler, die dort sind, haben sich ja schon entschieden, diesen Weg zu gehen, und da finde ich es auch wichtig, dass wir die Theorie in den Vordergrund stellen, um im internationalen Vergleich nicht abzufallen.

Nun von den Älteren zurück zu den Kindern – Haben Sie ein Beispiel für ein gutes Experiment für Kinder?

Im Kindergarten habe ich ganz gerne, dass die Kinder im Sinne einer Prophylaxe verstehen, wie wir eine Kerze löschen können. Aber auch: Warum geht die Kerze eigentlich aus? Und was passiert, wenn die Kerze brennt?

Ein Kind erfährt, dass eine Kerze erlischt, wenn wir ein umgestülptes Glas mit Luft daraufstellen. Das Kind, was genau beobachtet, sieht dann, dass das Teelicht erstmal nicht direkt erlischt, sondern dass es dauert. Es ist eine feinsinnige Beobachtung, dass alles nicht immer so direkt – klatsch, bumm – passiert, sondern dass Dinge auch eine kleine Zeit dauern. Nämlich genau die Zeit, bis ein Großteil des Luftsauerstoffs mit dem Wachs reagiert hat. Und dann beobachtet das Kind, wie so ein Wachsdampf-Faden nach oben steigt. Da kann man ganz viele Fragen stellen!

Es passiert aber noch etwas mit meinem Glas. Jedes Kind wird sehen, was Sie und ich schon längst nicht mehr sehen wollen: dass das Glas von innen beschlägt. Jetzt kommt die Frage: Wo kommt das her, was ist das? Erwachsene würden sagen: „Das ist das Wasser der Luft.“ Ist ja Quatsch – wenn so viel Wasser in der Luft wäre, dann würde es die Fensterscheiben runtersausen. Es ist ein Verbrennungsprodukt der Kerze. Hier hört für manchen Erwachsenen jedes Verständnis auf, weil man sagt: „Wie, in einer Kerze kann doch kein Wasser drin sein!?“ Stimmt auch – aber durch die Reaktion mit der Luft entsteht Wasser. Das kann man wunderbar mit Kindern machen, und zwar mit einer Geschichte; bei mir immer von der Forscherameise Fred.

Brücken bauen mit Chemie

Das beschriebene Experiment baut eine Brücke vom kindlichen Verständnis dazu, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Sie engagieren sich auch im Bereich der Willkommenskultur. Wie kann denn MINT, oder Chemie im Speziellen, dort ebenfalls Brücken bauen?

Hier in Bielefeld kamen 3.000 Geflüchtete an, davon waren etwa 1.000 Kinder. 191 dieser Kinder haben wir in ein Projekt aufgenommen, bei dem wir – also vor allem die Studierenden und auch die Mitarbeiter in den Einrichtungen für Geflüchtete – mit ihnen experimentiert haben. Das waren alle, die wir erreichen konnten, denn das ist gar nicht so einfach. Wir haben auf Experimente mit Feuer verzichtet, weil wir nicht wussten, ob Traumatisierungen vorliegen, aber wir haben schlichte Experimente gemacht wie: Mischt sich eigentlich jede Flüssigkeit mit jeder anderen Flüssigkeit? Das heißt, Essig und Wasser – Ja! – Essig und Öl – Nein! – Warum eigentlich nicht? Experimente dieser Art sind gerade im Hinblick auf Heterogenität und Inklusion so wunderbar, weil sie einfach jedes Kind machen kann. Egal, woher die Kinder kommen, sie haben alle dieselbe Frage: „Warum ist das so?“ Die Erklärungen konnten wir natürlich nur auf Deutsch geben, wir können ja nicht alle Sprachen sprechen. Also haben wir gezeichnet und auf die verschiedenen Gegenstände gezeigt. Nebenbei haben die Kinder so auch noch eine neue Sprache gelernt.

Wie können wir denn dann, als Gesellschaft, aber auch zum Beispiel als Initiative zdi, etwas dagegen tun, dass sich immer weniger junge Menschen für Chemie interessieren?

Erstens verbreiten, wie wichtig die frühen Jahre sind für einen unbekümmerten Umgang mit den Phänomenen und das Verständnis für ihre Hintergründe. Da sind auch viele Eltern nicht genügend aufgeklärt – sie haben immer noch ihren eigenen langweiligen Chemieunterricht im Sinn und denken: „War ja schon für mich als Siebtklässler unmöglich auszuhalten, da muss doch jetzt ein Fünfjähriger nicht dran.“ Hier muss ein Umdenken stattfinden. Zweitens gibt es im Moment einen großen Hype auf die Vorverlegung des Chemie- und Physikunterrichts, in Klasse 5 der weiterführenden Schulen. Allen Widerständen zum Trotz sollte man dem nachgeben. Das ist drittens, Mut zum Neuen. Ich bin gerade im Bildungspolitischen auch ein Zauderer, mit G8 und G9, da waren wir oft zu flott, aber im Bereich Naturwissenschaften im Kindesalter liegen Studien seit 20 Jahren vor, ich habe es schon seit vielen Jahren mit ganz viel Erfolg gemacht – wir können das wirklich verantworten.

30. Mai, 2017 | 16:13
Autor: zdi/cgl
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